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State of Mind – Denn wir wollen nur menschlich sein!

Wir schreiben das Jahr 2048. Es ist kein wirklich ereignisreiches Jahr. Alles ist wie immer. Wir haben unsere Staubsaugerroboter, die unsere Böden saugen und wischen und wir haben unsere KIs, die auf unsere Kinder aufpassen – liebevolle, niemals Widerrede gebende Nannys.

Unserem Protagonisten in State of Mind ist das alles aber zuwider. Ihm fehlt die menschliche Komponente. Da er Reporter ist und etwas in der Welt bewirken möchte, stellt er auch die unangenehmen Fragen, die eine Gesellschaft mit sich bringt, in der Roboter einen immer wichtiger werdenden Platz einnehmen.

Mensch und Roboter arbeiten Hand in Hand, um Richard zu retten.

Richard Nolan ist also neugierig, stellt gerne unangenehme Fragen und ist auch leicht zynisch gegenüber neuer Technik, wie etwa KI – typisch Reporter also.

Doch sobald man denkt, dass man auch nur einen Charakter in diesem Spiel in eine Schublade stecken könnte, denkt man ganz schön falsch. Im Laufe des Geschehens stolpern wir immer wieder über sehr unangenehme Charakterzüge und denken uns auch einmal: Was ist das für ein A***?!

Doch genau das ist es, was State of Mind viele große Titel wie etwa Deus Ex in den Schatten stellt. Die Charaktere sind wie echte Menschen gestaltet: Sie haben schöne, aber auch sehr hässliche Seiten. Und das alles in einer super modernen Grafik. Die Welt ist sauber gestaltet mit sehr guten Texturen und Licht- und Schatteneffekten, die sehr realistisch aussehen. Die Menschen in dem Spiel sehen nach einem Dreiecksgemisch aus, welches wichtige Gesichtszüge hervorbringt und dabei seinen eigenen Stil verfolgt.

Zerknülltes Auto auf wunderschöner Straße mit schönen Effekten wie Nebel, Licht und Schatten.

Neben Richard spielen wir auch sein Alter Ego Adam Newman. Dieser stellt einen wunderbaren Kontrast zu Richard da, obwohl auch dieser ein Journalist ist.

Adam im traumhaften City 5

Im Spiel dürfen wir auch immer wieder in andere Rollen schlüpfen, ohne dass es sich anfühlt, als gäbe es ein ständiges hin und her. Im Gegenteil: Die Charaktersprünge sind strategisch sehr gut platziert und überraschen mit Vielfältigkeit. Sehr gerne würde ich an dieser Stelle von einem besonders tollen Charakter erzählen, aber das wäre leider ein Spoiler =(

Diese Szene hat sooo viel Spaß gemacht und war mein persönliches Highlight, sodass ich euch einfach spoilern muss – ich kann einfach nicht anders 😉

Sorry!

Doch worum geht es in State of Mind überhaupt?

Eines Tages wachen wir als Richard in einer Klinik auf. Wir hatten einen Autounfall und uns fehlen sehr viele Erinnerungen. Der sehr kompetente und gar nicht gruselige Doktor fragt uns ein paar Basics ab: Wie heißen Sie? Ist der Junge auf dem Bild:

a) Ihr Sohn

b) eine fiktive Figur

Und so geht das immer weiter. Wer fleißig zugehört hat und auch fleißig die Zwischensequenz geschaut hat, kennt die Antworten. Wer dies nicht getan hat, klickt sich halt durch. Zu Beginn ist das Spiel noch sehr gnädig und verzeiht “einfaches Drauflosspielen”, jedoch ändert sich dies desto weiter man vorankommt.

Kaum sind wir aus der Klinik entlassen und gehen in unser kleines, schickes und modernes Apartment, erwartet uns nicht etwa eine in Sorge und voller Liebe erwartende Familie, sondern ein Roboter. Wir hassen Roboter! Wir versuchen also dem Roboter sooft unseren Hass zuteilwerden zu lassen, wie möglich – oder wir sind nett: Die Blechbüchse kann ja nichts für ihr Dasein.

Und an dieser Stelle hat mich das Spiel schon leicht schockiert. Wir können entweder die liebende Ehefrau anrufen, um uns über unseren Sohn und ihren Verbleib zu erkundigen oder wir rufen unsere Geliebte an. Unser guter, liebender Familienvater geht nämlich fremd! – Oh oh.

Nachdem uns das Spiel den ein oder anderen Abgrund gezeigt hat, switchen wir zu Adam Newman. Hoffentlich ist der nicht auch so ein Charakterschwein.

Das ist Berlin in einem Nachtclub – nette Gesellschaft!

Adam lebt nicht wie Richard in Berlin, sondern in City 5. Wo das liegt, darf und möchte ich aus Spoilergründen nicht nennen.

City 5 ist beinahe perfekt. Im Gegensatz zum leicht dreckigen Berlin scheint hier alles harmonisch – wie in einer Blase.

Adam wacht in seinem Bett auf, nachdem er einen Autounfall hatte – aha!

Hoffentlich hat wenigstens Adam den Durchblick!

Nein, an dieser Stelle habe ich das Spiel noch nicht durchschaut, so findig bin ich leider nicht ;).

Adam erwacht also in seinem Bett und ein Arzt steht neben ihm und erkundigt sich nach seinem Zustand. Adam scheint es halbwegs gutzugehen, nur hat er ebenfalls leichte Probleme durch den Unfall. Nur leider war sein Sohn auch im Auto, als der Unfall passierte. Voller Sorge geht er also zu seinem Sohn, der brav im Wohnzimmer spielt – puh!

Adams Frau ist leider nicht im Haus, da sie mal wieder arbeiten muss. Was für eine verkehrte Welt, in der es nicht nur Hausfrauen gibt 😉

Auch Adam ist Reporter. Seine Redaktion heißt “The Future”. Richards Redaktion heißt “The Voice”.

Während Richard der Wahrheit auf der Spur ist, seinem Zynismus gegenüber Künstlicher Intelligenz freien Lauf lässt und sich über nichts in seinem Leben freuen kann, freut sich Adam über die Zeit mit seinem Sohn und ist traurig, dass seine Freundin/Frau nicht da ist.

Immer wieder greifen die beiden zum stylischen Telefon, um mit anderen zu telefonieren, Informationen einzuholen oder einfach nur die Einsamkeit zu vertreiben. Sowohl in Berlin als auch in City 5 gibt es ein holografisches Telefon, d.h. sie haben eine Augmentierung im Auge, die es ihnen erlaubt, die Person beim Telefonieren zu sehen, ohne dass sie ein Zusatzgerät benötigen.

Das sieht nicht nur sehr gut aus, sondern lässt Gespräche lebendiger wirken. In vielen Videospielen fällt das aktive Zuhören schwer, wenn man keine visuelle Information bekommt, nicht so in State of Mind.

Wir haben aber auch noch andere Spielzeuge. Wir können Drohnen übernehmen, nachdem wir sie natürlich in einem Mini-Game gehackt haben. Wir können Leute ausspionieren und auch mit Lasern andere Drohnen ausschalten. Manchmal müssen wir eine besondere Person aufspüren, von der wir nur eine magere Beschreibung bekommen haben, z.B. “männlich, Glatze, Bart”.

Sehr praktische Drohne für Robo-Cops und natürlich auch uns, wenn wir wieder “Böser Junge” spielen

Wie ein echter Enthüllungsjournalist müssen wir Spuren nachgehen, Spuren analysieren und falsche Fährten ausmerzen. Wenn wir mal nicht weiterkommen, gibt unser Charakter auch mal einen Kommentar im Sinne von: “Das sieht richtig aus” ab.

Eines meiner Lieblingsrätsel war eine Art 3D-Bilderrätsel, wo man den Raum neu ordnen muss, bis man den richtigen Raum gefunden hat. Aber auch andere Rätsel sorgen immer wieder für ein wenig Gehirnschmalz. Manchmal sind es visuelle Rätsel, in denen man Türen durch Schalter öffnen muss und Räume mit den Schaltern umschaltet – ja, das macht Sinn.

Manchmal sind es kleine Leseaufgaben, bei denen man Material ordnen muss.

Alle Rätsel sind wirklich machbar. Vielleicht klappt nicht jedes Rätsel beim ersten Anlauf, aber hey, ich habe es auch ohne Internet hinbekommen 😉

Da es sich bei State of Mind um eine ganz neue Art von Point&Click handelt, laufen wir in einem Open Schlauch ohne Questmarker umher, sprechen alles an, was bei 3 nicht auf einem Baum ist und klicken alles an, was irgendwie leuchtet und interessant aussieht – auch wenn es nur ein Türschild ist, denn man kann ja nie wissen!

Alles spricht mit uns und hilft uns beim Weiterspielen

Am Anfang war es sehr seltsam, dass man nicht an die Hand genommen wird. So ganz ohne Questmarker, die einem nun sagen, dass man aus der Haustür gehen muss, um zur Arbeit zu gehen, war ein seltsames Gefühl. Doch was anfangs befremdlich war, fühlte sich im Laufe des Spiels nach Freiheit an. Man fühlt sich frei und denkt mit, hört sogar zu, und dass nicht nur, weil die Dialoge so gut sind. Wenn man nicht zuhört, wird es schwierig, den richtigen Weg zu finden.

Auch in den Dialogen fühlt man eine gewisse Freiheit, die sich aber erst mit der Zeit entfaltet. Mögen die ersten Dialoge es einem noch nicht wirklich krumm nehmen, wenn man ungehobelt und frech wird, so reagieren die Charakter spätestens nach einer Spielstunde nicht mehr so nett auf unsere Unhöflichkeiten. Manche verweigern uns sogar ihre Hilfe – andere wollen uns umbringen. Unsere Handlungen haben Konsequenzen! Endlich hat es ein Spieleentwickler von einem solchen Genre verstanden!

Laufen, klicken, rätseln und aufpassen, was man tut und sagt – das macht mehr Spaß, als es sich zu Beginn anhören mag. Die Geschichte, die ich an dieser Stelle wirklich nur anreißen kann, da jedes Wort ein Spoiler ist und das Spiel von seiner grandiosen Geschichte lebt, hat Wendepunkte, echte Höhen und Tiefen und endet mit einem echten Knall. Auch der Tod ist in diesem Spiel kein Hindernis! Vielleicht könnte man noch verraten, dass es in dem Spiel um die große Frage geht, wie man Unsterblichkeit erlangen kann und wo die Menschlichkeit endet und die Künstlichkeit beginnt.

Etwas leicht nach böses Superhirn ausschauend kann man ihn wirklich schnell durschauen – aber auch nur ihn.

Das Spiel bleibt rein spieltechnisch nie dasselbe. Wir bekommen ständig neue Mechaniken, unterschiedliche Rätselarten und auch die Dialoge bzw. die diversen Charaktere, in die wir schlüpfen, zeigen immer wieder Vergangenheit und Gegenwart und schmelzen zum Ende hin zu einem wunderbaren Gesamtbild zusammen.

Das Spiel geht knapp 8 Stunden und wird in keiner Minute langweilig. Am Anfang wirft es sehr viele Fragen auf, ähnlich wie bei der TV Serie Fringe, die dann nach und nach beantwortet werden, nur um noch mehr Fragen aufzuwerfen. So wird das Spiel weder vom Gameplay her noch von der Geschichte her träge. Es bleibt spannend.

Aufstehen und spionieren, liegenbleiben, wie der Arzt befiehlt oder versuchen zu fliehen? Und das alles ohne Ansage, ohne Auswahlmöglichkeit – man macht es einfach!

Fazit:

Ich weiß, was ihr jetzt alle denkt und ihr solltet euch schämen, so wie ich es tat. “Es ist ja wieder nur ein deutsches Spiel, dass gut 40€ kostet und vielleicht höchstens für einen 10er Spaß macht” – schämt euch, denn ich schäme mich auch. Meine Erwartungen hätten geringer nicht sein können, auch wenn der Trailer sehr gut aussah und die Musik dieses gewisse Etwas hatte. Meine Meinung hat sich aber schon nach knapp 45 Minuten radikal geändert. Das Spiel ist nicht nur seinen Preis wert, es ist eine Spielerfahrung, die ich so noch nie erleben durfte – und ich habe knapp 250 Spiele in der Steam-Bibliothek.

Ich habe das Spiel einmal für 30 Minuten begonnen, aufgehört und es am nächsten Tag für 4 Stunden gezockt. Einen Tag darauf: durchgespielt.

Es lohnt sich wirklich und das nicht nur als Lückenbüßer im Sommerloch, sondern als eigenes, erstklassiges Spiel.

Das Spiel hat auch einen gewissen Wiederspielwert, da Entscheidungen Konsequenzen hat und es EINE Entscheidung gibt, die einen nicht ruhig schlafen lässt, bis man die andere Entscheidung auch einmal getroffen hat. Manche Entscheidungen waren wie ein Autounfall – sie waren fürchterlich und doch hat man das getan, was man im echten Leben niemals getan hätte.

Müsste man es mit anderen Spielen vergleichen, hätte es das Setting von Deus Ex, die Entscheidungsgewalt von Deus Ex/The Council, eine höhere Dialogqualität als jedes Telltale Games’ Spiel/Detroit und macht so viel Spaß wie ein Rockstar Game.

Detroit sieht zwar besser aus, wenn man denn auf Fotorealismus in Videospielen Wert legt. Manche Szenen hätten in einer fotorealistischen Grafik aber auch nicht so zum Ausdruck gebracht werden können, ohne die Altersfreigabe anzuziehen.

Ich liebe State of Mind genauso wie es ist und freue mich auf weitere Durchgänge und viele weitere Spiele dieser Entwickler – auch wenn es “nur” deutsche Entwickler sind 😉

 

 

 

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