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The Dark Pictures Anthology: Man of Medan

Kann eine Kurzgeschichtensammlung auch als Spiel funktionieren? Diese Frage stellt sich ein, wenn man bereits Until Dawn gespielt und dann in Erfahrung gebracht hat, dass Supermassive Games, die Entwickler hinter Until Dawn, ein neues Spiel veröffentlicht haben.

Until Dawn war dafür bekannt, Teenie-Horror mit Entscheidungen in einer sehr fotorealistischen Grafik zu verpacken und auch alt eingesessene Hasen des Horror-Game-Genres abzuholen.

Ihr neues Konzept, wenn man einmal von ihren VR-Ablegern absieht, scheint etwas vollkommen Neues zu sein. Nun heißt es nicht mehr, ein Spiel kaufen und es dann beiseite legen. Es erscheinen in regelmäßigen Abständen kleinere Horrorkurzgeschichten, die immer ein anderes Thema behandeln. Das zweite Thema steht auch schon fest: Little Hope.

Doch nun erst einmal zum ersten Thema: Die erste Kurzgeschichte heißt Man of Medan und umfasst die Geschichte von fünf Tweenies, die auf einer Tauchtour ein mysteriöses Schiff finden und in einige Ereignisse hineingezogen werden, die sowohl wissenschaftlicher als auch mystischer Natur sind.

So beginnt die Geschichte erst einmal fernab der Ereignisse der Tweenies. Wir schlüpfen in die Rolle eines Soldaten, der mit seinen Kumpanen einen Ausflug vom Seeleben machen darf. Dieser kurze Abstecher wird mit Wahrsagern und sogar etwas Alkohol belohnt. Als sie aber ihren Dienst wieder antreten, werden sie für ihre Missetaten bestraft und werden zuerst voneinander getrennt. Was an sich sehr banal anfängt, fesselt schon nach der ersten Minute und endet sehr schnell in dem ersten Horrorszenario auf einem voll besetzten Schiff.

Nachdem die Herkunft des Schiffs geklärt wurde, geht es auch schon ein paar Jahre in die Zukunft.

Nun startet die eigentliche Geschichte rundum Alex, Julia, Fliss, Conrad und Brad. Zur kurzen Einführung, wie der Beziehungsstatus aller aussieht:

Alex und Brad sind Geschwister. Julia und Conrad sind Geschwister. Alex und Julia sind ein Paar. Fliss ist die Kapitänin und steht eigentlich in keiner Beziehung zu den bereits genannten Charakteren. Eigentlich.

Diese Beziehungen werden im Laufe des Spiels erklärt, und das Ganze, ohne eine lästige Einführung in Form von Texten oder langen Erklärungen. Anhand der normal wirkenden Gesprächen bemerkt man schnell, wer mit wem wie in Beziehung steht. Und dies ist nur eine der Stärken des Spiels. Die Charaktere fühlen sich einfach richtig an und sagen Sachen, die man dem Charakter zutraut – auch wenn sie unpassender nicht sein könnten.

Den typischen Klassenclown macht dabei Conrad, der auch schon aus Spielen, wie etwa Quantum Break, bekannt sein dürfte.

Doch sogar dieser Klassenclown schafft es, eine wichtige Rolle für das Überleben der Gruppe darzustellen. Doch das ist nicht nur bei ihm so, auch die anderen Charaktere werden immer wieder vor eine Wahl gestellt, die ihr Ableben verursachen könnte.

Um das Spiel aber nicht ganz so schwierig und frustrierend zu machen, bzw. um den Spieler aufmerksam auf die Umgebung zu machen, gibt es im Spiel Bilder an der Wand. Diese Bilder können bei genaueren Betrachtung einen Film abspielen, der dem Spieler eine mögliche Fehlentscheidung zeigt. Manche sind sehr eindeutig und zeigen eine Person in einer misslichen Lage, andere deuten an, dass eine gewisse Person labil ist und daher vorsichtig agiert werden muss. Diese Wandbehänge haben nicht nur einmal dafür gesorgt, dass ich Charaktere retten konnte – und das ganz ohne Spoiler.

Wobei Spoiler in diesem Spiel ein großes Problem sind. Das Spiel geht gut 3 bis 4 Stunden und verliert währenddessen nicht an Fahrt. Es wirft einen ständig in unsanfte Gewässer und nur selten kann man erahnen, was als Nächstes passiert. Zwar gibtr es unzählige Verfilmungen, die genau dieses Szenario bereits behandelt haben, doch hat sich das noch keiner in Form von Videospielen getraut.

Auch spielt man nicht nur einen Charakter. Man wechselt freudig zwischen den Charakteren, ändert die Perspektive des Spiels, baut kleinere Cliffhanger auf, sodass man bis zum Ende weiterspielen möchte, um zu erfahren, was denn nun der eine Charakter macht, den man gerade noch gespielt hat. Es hält einen schlichtweg bei Laune.

Nun könnte man anbringen, dass das Gameplay sehr reptitiv ist. Immerhin läuft man meist ein bis zwei Räume ab, untersucht alles, versteckt sich an manchen Punkten, was durch einen Herzsensor reguliert wird und kann dann durch Quick Time Sequenzen eine bestimmte Sache auslösen, wie etwa über Balken springen.

Das hört sich nun negativ an, doch muss man sagen, dass es im Spiel selbst sehr angenehm ist. Wir sprechen hier von einem Spiel, das rein von seiner sehr gut geschriebenen Geschichte und seinen faszinierenden Charakteren lebt – das muss man auch auskosten! Das Gameplay bzw. die Gameplaymechaniken reichen aus, um einen an eigenen Stellen im Spiel zum Schwitzen zu bringen. Schafft man beispielsweise eine Quick Time Sequenz nicht, wird man von jemandem entdeckt, der einen besser nicht gesehen hätte…

Man lebt das Spiel, man lebt mit seinen Entscheidungen und es gibt auch kein Save Game, das man mal eben laden kann, sollte man es nicht geschafft haben. Hat man das Spiel das erste Mal durchgespielt, schaltet man die Szenenauswahl frei, von der aus man diverse Szenen bis zum Ende noch einmal durchspielen kann. Daher ist der erste Durchgang auf jeden Fall auch der dramatischste. Alle weiteren Durchgänge, bei denen man eine andere Entscheidung treffen möchte, einen favorisierten Charakter retten oder auch einfach nur mal die “böse Entscheidung” treffen möchte, verlieren etwas an Gruselfaktor, den das Spiel zu Genüge hat.

Immer wieder dreht man sich um, hört etwas, das nicht da ist oder erspäht ein von Leichenstarre verzerrtes Gesicht, das plötzlich vor oder hinter oder auch neben einem auftaucht. Das Spiel spielt bewusst mit der Angst vor dem Ungewissen und setzt es immer wieder in Szene. Habe ich das nun wirklich gesehen?

Mir persönlich hat die Kurzgeschichte sehr gut gefallen. Die Spiele werden immer länger, immer größer und oft auch immer uninteressanter. Man of Medan setzt sich genau diesem Problem entgegen. Es kann an einem Abend, in einem Ruck, durchgespielt werden und lädt dabei auch noch zum Zusammenspielen ein. Persönlich erlebe ich Horrorspiele gerne erst alleine, bevor ich den Gruselfaktor durch Freunde dezimiere, doch ist es für den zweiten, dritten und mehr Durchgang schön, mit einem Freund die Erfahrung teilen zu können. Einzig allein die Wartezeit, bis der Freund sich endlich entschieden hat und es weitergeht, kann manchmal etwas stören.

Das Spiel geht nur gut 4 Stunden und kostet dementsprechend auch nur knapp 30 Euro. Das nenne ich einen fairen Preis für ein sehr gelungenes Spiel, das einem sogar eine Aussicht auf mehr Spiele dieser Art gibt.

Little Hope wird sowohl am Ende des Spiels geteasert als auch noch einmal in Trailerform präsentiert.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=jSanBowMj4g

 

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