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GreedFall – So muss Rollenspiel und nicht anders

Es gibt immer mehr Spielegenres, die neben ihrem Genre noch Elemente aus dem Genre Rollenspiel vermischen. So spielt man einen Shooter, in dem man leveln kann, ein Point and Click, in dem man Fähigkeiten freischaltet oder eben ein Rennspiel, in dem man nach und nach im Rang steigt – das ganze dann mit Erfahrungspunkten natürlich.

Die Zeiten von Skyrim und Dragon Age scheinen dabei Geschichte – so sah es zumindest vor GreedFall aus. Neben Rollenspielen, die einen stark japanischen Drill haben oder eben einen starken Hauptcharakter haben, der einen fest durch die von einem Autor vorgeschriebene Geschichte jagd, erlebt man in Greedfall etwas, das schon lang vergessen schien: ein waschechtes Rollenspiel.

In GreedFall schlüpfen wir in die Rolle der Cousine des angehenden Gouverneurs bzw. der Nichte des Prinzen (so richtig wichtig sind wir zu Beginn also nicht 😉 ), wenn wir uns denn für die weibliche Verkörperungen des Charakters entscheiden. Und so ist auch aller Anfang schwer. Direkt zu Beginn müssen wir diesem hinterher rennen, kleinere Aufträge für Botschafter erledigen, um unseren Ruf aufzubessern und suchen dabei nach Scharlatenen, die den Menschen nichts Gutes verkaufen. Einschlägig kann man die Erfahrung in GreedFall nicht nennen, schließlich haben wir ständig Aufgaben zu erledigen, die sich stark voneinander unterscheiden.

In einer Quest müssen wir beispielsweise dafür Sorge tragen, dass eine gewisse Fracht auf unserem Schiff mitreisen darf. Wir können die Ware schmuggeln, doch dies macht keinen guten ersten Eindruck. So versuchen wir, den Hafenmeister davon zu überzeugen, die Ware schnell einzutragen. Doch aus irgendeinem Grund möchte uns dieser nicht helfen. Also geht es weiter. Wir suchen eine Alternative. Im Hafenmeisterbüro liegt die Frachtliste, die wir fälschen können, um unsere Ware an Bord zu bringen. In das Gebäude dürfen wir aber eigentlich nicht rein, da eine Fraktion sicherlich nicht froh darüber sein wird, wenn wir in ihr Territorium eindringen und Listen fälschen. Ist uns unser Ruf egal, stürmen wir die Bude, metzeln alles nieder und fälschen, was das Zeug hält. Wenn es uns nicht egal ist, versuchen wir zu schleichen, was in dem Spiel leider nicht ganz so einfach ist, wie in einem Assassin’s Creed. Vielleicht beschaffen wir uns aber auch einen Wams der Fraktion und geben uns als einen der ihren aus. Ganz gewieft können wir aber auch einen Händler aufsuchen, einen Schlaftrunk kaufen, diesen in eine Flasche Alkohol füllen und den Wachen vor dem Gebäude anbieten. Tja, das sind so die ersten 30 Minuten des Spiels und sie sind verdammt vielversprechend.

Doch unsere eigentliche Aufgabe ist es, unseren Kontinent zu retten. Sérene kämpft mit einer tödlichen Seuche, die nicht nur Fremde abbekommen haben, sondern sogar enge Familienmitglieder. Malichor ist diese herzzerreißende Krankheit, welche die Menschen dahin rafft und unseren heldenhaften Charakter wahrliche Sprünge machen lässt. Muss sich dieser beugen, um Botschafter glücklich zu machen oder gar nicht ganz so schuldige Menschen hinter Gittern bringen, nur um einen Schritt weiter Richtung Heilmittel zu gelangen – alles hat seinen Preis und ein Held steht zu seinem Wort.

Das alles wird mit dem Hintergrund erzählt, dass man nach und nach Ureinwohner von ihrer Heimat vertreibt. Man verkörpert Amerika in seiner dunkelsten Stunde und ist immer wieder mit Entscheidungen, Konsequenzen und vor allem Lebensweisen konfrontiert, die ganz und gar nicht schön sind. Gut ist dabei, dass man einen typischen Helden spielt. Ist jemand in Gefahr oder sieht es so aus, als ob dieser nicht richtig behandelt wird, greifen wir ein. Böse Entscheidungen gibt es in dem Sinne nicht und das ist auch gut so!

Das Versprechen nach 30 Minuten wird auch nach mehreren Spielstunden, die bei gut 30 bis 40 Stunden liegen, gehalten. Neben sehr gut erzählten Geschichten, spannenden Dialogen und Entscheidungen, deren Konsequenzen schnell Früchte tragen, geht es auch oft in den Kampf über.

Wir können aus drei Klassen wählen: Krieger, Stratege und Magier. Als Krieger versuchen wir uns an diversen Nahkampfwaffen und nutzen auch ab und an mal eine Pistole, um uns Gehör zu verschaffen. Als Stratege nutzen wir Fallen, die teils mit Gift gespickt sind und lassen unsere Gegner in ihren Tod trampeln.

Dann gibt es noch meinen persönlichen Favoriten: den Magier. Dieser nutzt kleine Geschosse, die nicht allzu viel Magiepunkte verzehren, um schnell und präzise anzugreifen. Wir haben aber auch einen rundum Magieschlag, Stasis und mehr, um uns als Fernkämpfer auch mal im Nahkampf zu probieren.

Dabei fangen die Kämpfe am Anfang noch recht einfach im Training mit Kameraden an und gehen dann zu Banditen und schlussendlich zu Monstern über.

Die Monster sind dabei sehr interessant, da sie von der Natur beeinflusst werden und mit ihren wurzelverzehrten Körpern ganz schön zuschlagen können. Mal eben ein paar Blops töten, gibt es in diesem Spiel nicht. Jeder Kampf muss abgewogen werden, denn wer würde mit einer Gruppe aus drei Personen denn ein großes Koloss so ganz ohne Vorbereitung angreifen?

Leveln und Looten heißt es auch in GreedFall. Man muss sich neue Rüstung, neue Waffen und mehr craften bzw. kaufen, um gegen die Monster, die manchmal auch menschlicher Natur sind, zu bestehen.

Dabei ist das Levelsystem sehr interessant. Wir können aus unzähligen Fähigkeiten aussuchen. Manchmal geht es darum, dass wir Schlösser knacken können, eine Mauer mit entsetzlicher Sprengkraft einreißen oder einfach nur unser Gleichgewicht behalten, wenn eine Geschicklichkeitseinlage ansteht. Manchmal erwerben wir aber auch Stärkungen unserer Fähigkeiten.

Neben unserem Skill-Tree müssen wir aber auch unsere Bekanntschaften pflegen. Um gegen die ominöse Seuche anzukommen, gilt es, Kameraden um uns zu scharen, die uns im Kampf dagegen unterstützen. Und diese Beziehungen zu den Kameraden möchten gepflegt werden. Wir können diverse Quests für unsere Kameraden erledigen, wobei immer wieder dieses gewisse Dragon Age-Feeling aufkommt. Nicht, dass GreedFall eine Kopie eines Dragon Ages wäre, ganz im Gegenteil: GreedFall ist sein eigenes Spiel, das von guten Rollenspielen inspiriert wurde. Nehme man die Altare, an denen man einen Fähigkeitenpunkt erhält. Diese könnten an die Steine in The Witcher erinnern. Nehme man das Kampfsystem, das nicht unendlich Ausdauer und Magie zur Verfügung stellt und einen zum Ausweichen anhält – das schreit geradezu nach Dark Souls. Nehme man die Charakter-Quests von Kameraden, die man zuhauf schon in Dragon Age absolviert UND geliebt hat…

GreedFall besteht aus all diesen hervorragenden Rollenspielen und dennoch ist es so viel mehr. Selten konnte ich mich so auf den nächsten Boss-Encounter freuen, da jeder Boss seine ganz eigenen Tücken hat, filmreich aussieht und vor allem so richtig reinhauen kann. Kein Boss ist in wenigen Sekunden erledigt. Man plant, man führt aus und man muss sich ständig an neue Gegner gewöhnen, sie beobachten und seine Strategien überdenken. Wenn der Gegner sich beispielsweise plötzlich eingräbt, nur um dann hinter einem wieder hervorzukommen und einen Rundumschlag austeilt, dann ist das einfach umwerfend – im wahrsten Sinne des Wortes.

Auf der PS4 läuft GreedFall butterweich mit 30 FPS und zeigt nur selten Ruckler oder gar Verschlechterungen der Grafik. Es ist ein sehr sauberer Port und auch die Ladezeiten sind mit Inventar- und Redeeinlagen gut ausgefüllt, sodass man diese nicht allzu sehr bemängeln kann. Hat ein Gebiet einmal geladen, muss man auch nicht mehr warten. Dann kann man innerhalb dieses Gebietes sogar die Schnellreise ganz ohne Ladeverzögerung genießen.

Auf dem PC sieht GreedFall mit seinen Texturen, vor allem in Bezug auf Gesichter und Klamotten, noch eine Schippe besser aus. Dadurch, dass GreedFall sehr actionlastig ist, aber auch mit vielen Dialogen glänzt, machen 60 FPS noch einmal den Unterschied im Kampf. Im Großen und Ganzen lässt es sich aber wunderbar spielen und sogar die Menüführung ist sehr schnell gelernt. Sehr gut finde ich beispielsweise die Taskleiste auf L1, auf der man in Ruhe im Pause-Modus nach Angriffen, Tränken und mehr schauen kann. Auch eine kleine Verschnaufspause in längeren Kämpfen ist damit gesichert.

Die Frage, die sich bei GreedFall also stellt, ist nicht, ob man es sich als Rollenspiel-Fan kaufen sollte, sondern auf welcher Plattform. Besonders empfehlenswert sind lange Wochenenden und Urlaubstage, da das Spiel ein regelrechter Zeitfresser ist. Klar, man kann so gut wie immer und an jedem Ort speichern, aber das Spiel ist so fesselnd, dass man sich die Zeit nehmen sollte.

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