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Baldur's Gate (Switch-Version) im Test

Wir schreiben eine Ära, in der Videospiele noch nicht viel mit Open Worlds zu tun haben. Eine Ära, in der Geschichten noch über Textboxen und weniger über Bilder erzählt werden. Eine Ära, in der ein Bug nicht mal eben via Patch behoben wird.

1998 erschien Baldur’s Gate, das erste Spiel des Entwicklers BioWare und eines der wenigen Rollenspiele, welches die Herzen der Fantasy-Spieler im Sturm eroberte.

Die Kamera ist isometrisch, die Charaktere sehen ziemlich oll aus, dennoch kann man sie voneinander unterscheiden. Die Textbox nimmt gut die Hälfte des Bildschirms ein und mehr als die Hälfte der Bildschirmzeit. Die Steuerung ist in Ordnung, doch nicht mit neuen Spielen zu vergleichen. Dann ist das Ganze auch noch auf der Switch – und die Steuerung wird nicht wirklich schlechter. Die Bewegungen gehen gut von der Hand, das Menü weniger.

Der Kampf ist vollautomatisch. Wir können lediglich sagen, welcher Gegner bekämpft wird. Unsere Gruppe aus bis zu sechs Kämpfern arbeitet sich von Feind zu Feind, während wir der Explosion aus Zauberfeuerwerken, Bogenprojektilgeschossen und Schwertschnittereien lauschen. Manchmal sieht man auch was und dann wird es meist schon sehr blutig. Gerade dann, wenn die Gegner zerspringen, gibt es schon einiges zu sehen.

Ein Spiel von 1998 hat einen leichten, aber keinen allzu großen Feinschliff bekommen und wurde auf das Handheld von Nintendo gebracht…Doch wieso sollte man sich für Baldur’s Gate und das Sammeln von Kameraden und nicht etwa für Pokémon entscheiden? Wieso hat Baldur’s Gate mehr Rollenspielelemente als ein Zelda? Und wieso vermisst man die Springeinlagen aus Mario in diesem Spiel so gar nicht?

Baldur’s Gate ist der Anfang der Anfänge der Rollenspielgeschichte. Schnell wird einem beim Spielen bewusst, dass man das doch alles schon einmal gesehen hat. Wieso klaut Baldur’s Gate so frech von den Big Playern, wie etwa Dragon Age oder Pillars of Eternity? Auch das Outro hat man doch schon irgendwo einmal gehört. Doch wie kann Baldur’s Gate von Spielen klauen, die doch nach seiner Zeit entstanden sind? Oh…

Fangen wir einmal ganz von vorne an. Fangen wir bei den Vorurteilen an, die man gegen ein Spiel haben kann, dass eventuell genauso alt oder sogar älter ist als man selbst oder zumindest älter als die jüngste Spielerfahrung, die man so haben kann.

Die Grafik ist jetzt natürlich nicht mit einem The Witcher: Wild Hunt gleichzusetzen. Gut, aber Grafik ist ja nicht alles, immerhin haben ja auch Spiele wie Pillars of Eternity Erfolg. Dann ist da die hakelige Steuerung. Das Gameplay an sich macht ein Spiel aus und ist entscheidend dafür, ob einem Spieler das Spiel gefällt. Sekiro hat die Puppensteuerung so gut wie perfektioniert. Man hat dieses Gefühl, wenn Stahl auf Stahl trifft und weiß einfach, dass es so richtig ist. Doch habe ich jeden Tag Lust, von Sekiro runtergemacht zu werden? Vom kleinsten Gegner einfach so zerfleischt zu werden? Was ist, wenn ich gerne lese? Was ist, wenn ich gerne klicke, um an mein Ziel zu kommen, ohne ein Aimbot-Genie in Rainbow zu sein? Dann kann ein Spiel wie Baldur’s Gate trotzdem Spaß machen.

Die Zeiten ändern sich. Heutzutage ist alles besser. So auch bestimmt die Story, denn von wem hätte Baldur’s Gate bitte schön klauen sollen? Von Doom?

In Baldur’s Gate schlüpfen wir in die Rolle eines Helden, der ganz klein anfängt. Als Waise wurden wir aufgezogen und haben nur unseren Ziehvater, der uns in allem unterrichtet, was man so braucht. Auch das Schwert spielt in einer Welt voller Monster und Gefahren zum alltäglichen Bedarf.

Eines Tages befiehlt er uns, ein Gasthaus aufzusuchen und unsere Vorräte aufzufüllen. Wir müssten weg, doch will er uns nicht sagen, wohin die Reise geht. Nun gut, Quest ist Quest. Wir besorgen das Nötigste und machen uns mit unserem alten Herren auf den Weg. Kaum sind wir außerhalb der sicheren Mauern und der uns beschützenden Soldaten angekommen, fängt die Geschichte sofort an. Papa wird gegrillt, wir müssen uns vor den fiesen Monstern verstecken und bahnen uns einen Weg durch das Gehölz zum nächst sicheren Dorf. Dort angekommen, brauchen wir natürlich erst einmal Gefährten. Was wäre eine Reise, wenn wir nicht jemanden finden würden, der uns den Rücken freihält? Eine sehr, sehr kurze Reise, denn schon auf dem normalen Schwierigkeitsgrad kommt man ganz schnell aus der Puste.

Wir gehen von Gasthaus zu Gasthaus, lösen die Problemchen der kleinen Leute, bis dass wir genug ansehen haben, um die Probleme der großen Leute anzugehen. Wir decken Verschwörungen auf, kämpfen gegen immer härter werdende Monster und mit Blut, Schweiß und Tränen erkämpfen wir uns nach und nach eine noch bessere Grundausstattung (Schwert, Schild und Rüstung). Wenn wir glauben, dass wir am Höhepunkt unserer Karriere stehen, werden wir auch mal des Mordes bezichtigt. Je nach Entscheidung, stimmt das sogar. Nicht, dass wir immer der Gute in der Geschichte wären. Immerhin haben wir ziemlich viel freie Hand, was wir so machen, antworten und vor allem, wie wir mit Situationen umgehen.

Man bricht aus, man taucht unter, man lüftet Geheimnisse, Verschwörungen und landet nachher in einem High Fantasy-Helden-Epos, der weit über das Prüfen des schlechter gewordenen Stahls hinausgeht.

Drachen, Spinnen, Wyvern, Schleime, Untote, Kreischlinge – Baldur’s Gate kennt sie alle und wirft sie dem Spieler in guter Manier vor die Füße.

Doch was fehlt Baldur’s Gate nun, was die neuen und modernen Spiele so haben? Grundlegend müsste man die Frage umformulieren. Was fehlt heutigen Spielen im Vergleich zu Baldur’s Gate?

Um es ganz kurz zu fassen, fehlt moderneren Rollenspielen, u.a. auch Dragon Age, dieses gewisse Epische. Es fängt relativ normal an und steigert sich bis zum Höhepunkt, der dann auch gleich den Schluss darstellt. Mit seinen 7 Kapiteln ist Baldur’s Gate nicht soo lang. Es hat gut 20 Stunden Spielzeit. Es hat nicht zu viele Nebenquests, dafür aber eine sehr lange und ausführliche Hauptquest. Der Fokus des Spiels liegt also nicht darin, den Spieler so lange wie möglich mit “Suche dies und jenes” zu fesseln, sondern den Spieler erfolgreich in der Geschichte zu führen und ihm Progress zu schenken.

Dabei läuft das Spiel auf der Switch sogar flüssig und stürzt auch nur sehr selten ab. Die meisten Abstürze hatte ich allerdings im DLC und nicht im Hauptspiel. Das Spiel war dann aber auch so fair und hat selbstständig an wichtigen Punkten gespeichert, sodass der Verlust wirklich klein blieb.

Apropos DLCs, Baldur’s Gate 1&2 gibt es mit allen DLCs in einem Bundle. Der DLC “Siege of Dragonspear” spielt nach der Hauptkampagne, dennoch fühlt sich das Spiel beim Durchspielen so an, als wäre es dann auch wirklich vorbei. In der Erweiterung indes zeigt das Entwicklerstudio, wie man eine beendete Story auf sehr gute Weise fortführen kann.

Fazit:

Ich war mir wirklich unsicher, ob ich Baldur’s Gate spielen möchte. Ich kannte das Spiel zuvor nicht und war etwas skeptisch, als andere Spieler von ihren positiven Erlebnissen berichteten. “Rosarote Fanbrille” war nur ein Gedanke, der mir dabei kam. Dennoch hat es wirklich Spaß gemacht. Klar, der Anfang ist etwas ruppig und man muss sich an das ein oder andere gewöhnen, aber so an sich war es eines der besten Rollenspiele, die ich jemals gespielt habe. Es war einfach schön zu sehen, woher die heutigen Spiele stammen – und teils auch erschreckend. Einige Gegenden, einige Musikstücke und auch einige Plotelemente schienen so vertraut, dass man davon ausgehen muss, dass sich einige neuere Spiele bereits an Baldur’s Gate emsig bedient haben.

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