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I’m Thinking of Ending Things – bist du sicher?

Es ist Winter. Der erste Schnee im Jahr fällt vom Himmel und er bleibt tatsächlich liegen. Jake holt seine Freundin Cindy von zu Hause ab – zusammen möchten die beiden Jakes Eltern besuchen. Das erste Mal. Beide sind noch nicht lange ein Paar. Die Beziehung ist frisch, beide auch frisch verliebt. Sie freuen sich aufeinander und sind aufgeregt. Doch der erste Gedanke schleicht sich ein. Er bleibt kleben. Er verweilt im Kopf und dominiert das Denken und Handeln. Der Film I’m Thinking of Ending Things macht zunächst keinen Hehl daraus und führt euch auf den Weg der Sinnkrise von Sein oder nicht Sein. Ich verrate euch eines, ohne dabei zu viel zu verraten: Bleibt wachsam und aufmerksam. Der Film spielt mit euren Gedanken und der Wahrnehmung.

Die Autofahrt auf der verschneiten Landstraße wird bereits nach wenigen Sekunden von Anspannung geprägt. Es fühlt sich eher nach Ende als nach einem Beziehungsanfang an. Die Unterhaltungen zwischen den beiden sind holprig und steif. Ich dachte schnell das hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Die erste Wende im Film von Charlie Kaufman, dessen bekannteste Arbeiten wohl Being John Malkovich und Vergiss mein nicht! (Eternal Sunshine of the Spotless Mind) sein dürften. Cindy und Jake erreichen die abgelegene Farm der Eltern. Und nun nimmt der Film euch nicht weiter an die Hand. Ihr durftet bereits während der Autofahrt so langsam gemerkt haben, wie der feste Griff samt eurer Vorstellung vom Film selbst euch so langsam verlassen hat. 

Es wird von nun an auch schwer wirklich komplett spoilerfrei zu bleiben, denn die Handlungsstränge und die Geschichte spielt auf so vielen verschiedenen Ebenen, wie auch Gefühlen, dem kann ich gar nicht gerecht werden. Ob es überhaupt ein Review kann? Ich weiß es nicht. Mit dem Betreten des Hauses schwingt plötzlich nicht nur eine angespannte Stimmung zwischen dem frisch verliebten Paar durch die kalte Luft – das ganze Haus macht einen ungemütlichen, trostlosen und kalten Eindruck. Die von Kratzern und Klebeband gezeichnete Tür, die nicht betreten werden soll, ist nur eines von vielen Mysterien die euch von nun an begleiten. Ich hatte wirklich innerliche Angst, da viele Szenen einem die Luft zum atmen nahmen und ich oft genug dachte: “Lucy stirbt.”. Das kann einfach nicht gut ausgehen. Die bizarren Szenen am Esstisch, immer wieder sehen wir einen älteren Hausmeister, plötzlich schreitet die Zeit auf der trostlosen Farm viele Jahre voran, um sich dann wieder purzelbaumartig zurückzudrehen. Alles springt. Gedanken, Dialoge, Themen, Kleidung, das Verhalten und Interaktionen.

Ohne Witz – der Film ist mit seinen 134 Minuten überhaupt gar keine leichte Kost. Er ist auch überhaupt nicht actiongeladen oder “wild” im eigentlichen Sinne, wie wir eine Achterbahnfahrt empfinden würden. Aber der Ritt auf meinem Sofa hat mir die kompletten Gehirnzellen verbraten und ich habe die Stirn so oft gerunzelt, ich war nah am Gesichtskrampf. In I’m Thinking of Ending Things dreht sich alles um Jake. Seinen Kampf gegen die Einsamkeit und sein Kampf gegen die Depression. Ich finde es wahnsinnig schwierig und noch viel schwerer diese vielschichte psychische Erkrankung zu visualisieren. Ob es der Film geschafft hat? Das müsste man jemanden Fragen der betroffen ist. Was der Film aber durchaus für mich geschafft hat – ist genau diese vielen verschiedenen Schichten auf die Leinwand oder ins Wohnzimmer zu transportieren. Ich habe im Nachgang noch einiges zum Film gelesen und auch die Unterschiede zum Roman recherchiert. Welche Version nun besser oder schlechter, oder welche inhaltlichen Veränderungen positiv oder negativ sind, ich kann es euch nicht sagen. Das Buch habe ich nicht gelesen. Charlie Kaufman hatte seine ganz eigene Vision dafür im Kopf. Für mich hat es auch so grandios funktioniert. 

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=6ZcNszKlrzY

Für viele mag es vielleicht “artsy fartsy” sein oder finden es schwer den Film zu verstehen. Meine Meinung dazu: Das ist richtig. Aber mit simplen Dialogen oder einfachen Bildern ist eine Erkrankung wie die Depression nicht zu erklären. Es ist keine Röntgenaufnahme von einem Beinbruch, auf dem du klar und deutlich erkennst: “Ah ja, da ist das Bein kaputt.” Und viele werden den Film auch einfach nur “scheiße” finden, weil diesen Menschen ein hohes Maß an Empathie fehlt. 

Der Titel des Films wird im englischen dazu benutzt, wenn eine Trennung herbeigeführt werden soll. Die Frage der Art und Weise, bezogen auf die Trennung, wird euch am Ende hoffentlich klar. Wenn nicht, dann schmeißt die Suchmaschine eures Vertrauens an und lest es nach. Es ist sowieso ein Film der erstmal abklingen muss. Mich hat er nachhaltig beschäftigt. Gebt dem Film eine Chance und urteilt nicht zu früh, vielleicht seid ihr noch nicht soweit und es ist ein Urteil über euch selbst. Ich will euch nicht zwingen den Film per se gut zu finden – aber der Weg ist hier das Ziel und “I’m Thinking of Ending Things” verlangt euch einiges ab. Für mich nach “Vergiss mein nicht!” ein weitere Stück Filmgeschichte. 

 

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