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22. April 2026Das Imperium der Sieben: Warum die Macht von IGN uns alle betrifft.
Ich habe in den letzten Tagen wieder ein bisschen mehr Lust gehabt etwas zu schreiben und meine Gedanken loszuwerden. Daher müssen wir mal über ein Thema sprechen, das mir schon wirklich länger schwer im Magen liegt. Sehr viel länger … und wenn ihr uns hier auf pixeltyp.net verfolgt, wisst ihr, dass hier alles nur Hobby ist, wir bisher noch nie einen Cent damit verdient haben und die Leidenschaft für Games uns seit Kindheitstagen begleitet.
In uns pumpt viel Herzblut und stets eine gesunde Portion Skepsis, wenn wir Videospiele betrachten. Das ist gar nicht so negativ gemeint wie es eventuell klingt. Doch am Horizont zieht sich langsam ein Sturm zusammen, der die Vielfalt der Branche langsam, aber sicher erstickt. Die Rede ist von der beängstigenden Machtposition von IGN und dem dahinter stehenden Giganten Ziff Davis.
Die Illusion der Vielfalt: Der Sündenfall “Gamer Network”.
Der Mai 2024 war ein schwarzer Tag für die journalistische Diversität im Gaming. Als bekannt wurde, dass Ziff Davis (die Muttergesellschaft von IGN) das Gamer Network übernimmt, ging ein Raunen durch die Szene – und das völlig zu Recht. Mit einem einzigen Federstrich wanderten Institutionen wie Eurogamer, Rock Paper Shotgun, GamesIndustry.biz und VG247 in denselben Konzernbauch, in dem bereits IGN hockt. Auch damals schon vollgefressen und dick.
„Früher“ hatten wir verschiedene Stimmen. Wenn IGN ein Spiel feierte, konnte man bei Eurogamer oft eine völlig andere, vielleicht „europäischere“ oder kritischere Perspektive finden. Heute? Heute gehören sie alle denselben Aktionären. Auch wenn die Redaktionen (noch) beteuern, unabhängig zu arbeiten, ist die wirtschaftliche Realität eine andere. Wenn eine einzige Sales-Abteilung die Werbedeals für fast alle großen Gaming-Outlets der Welt schnürt, schwindet der Raum für “kantige” Meinungen. Wir erleben eine schleichende Homogenisierung. Ein Einheitsbrei, der vor allem darauf optimiert ist, die SEO-Algorithmen von Google zu füttern, anstatt den Lesern wirklich neue Erkenntnisse zu liefern.
Wer zieht wirklich die Strippen? BlackRock lässt grüßen!
Man muss sich klarmachen, wer hinter Ziff Davis steht. Das ist kein Spiele-Enthusiast, der abends noch eine Runde Elden Ring zockt oder im Discord mit seinen Freunden den nächsten Podcast aufnimmt. Hinter CEO Vivek Shah steht ein börsennotiertes Unternehmen, dessen größte Anteilseigner Namen wie BlackRock und Vanguard tragen. Das sind Investmentriesen, die nur eine Sprache sprechen: Quartalszahlen und Rendite.
In einer Welt, in der die Gewinnmarge über allem steht, wird Journalismus zur reinen Ware. Der Druck, Zugriffszahlen zu generieren, führt zwangsläufig zum sogenannten “Access Journalism”. Man braucht den exklusiven Zugang, die Weltpremiere, das “IGN First”-Video. Doch wer kritisch über die katastrophalen Arbeitsbedingungen bei einem Publisher berichtet oder einen heißersehnten Blockbuster “zu hart” bewertet, riskiert, beim nächsten Mal übergangen zu werden. Für einen Konzern wie Ziff Davis ist das ein geschäftliches Risiko, das man lieber umgeht. Die Folge ist eine schleichende Selbstzensur, die oft erst am Ende der Kette – beim Review-Score – sichtbar wird.
Das 7/10-Diktat und der Metacritic-Fluch …
Wir alle kennen das Meme: “7/10 – too much water” oder einfach die Tatsache, dass bei IGN fast alles, was halbwegs geradeaus laufen kann, eine 7 bekommt. Das ist kein Zufall, sondern System. IGN nutzt effektiv nur die obere Hälfte ihrer 10-Punkte-Skala. In den letzten Jahren waren über 90% der Spielebewertungen eine 6 oder höher.
Das Problem dabei ist die enorme Marktmacht, die IGN auf den Metascore ausübt. Da IGN die mit Abstand größte Reichweite hat, beeinflusst ihre Wertung nicht nur die Kaufentscheidung von Millionen, sondern oft auch die Aktienkurse der Publisher und sogar die Bonuszahlungen der Entwickler. Wenn die Skala aber erst bei 7 wirklich anfängt, wird der Score zur wertlosen Information. Wie kann ein Triple-A (bei Ubisoft auch mal ein A mehr) oder ein lieblos dahingeklatschtes Lizenzspiel dieselbe Wertung erhalten wie ein ambitioniertes Indie-Projekt, das vielleicht ein paar Ecken und Kanten hat? Es ist eine Nivellierung nach unten, die wirklich echten Meisterwerken mit 9er- oder 10er-Wertungen den Glanz nimmt, weil am Ende alles im “befriedigenden” Mittelfeld landet.
Und ich möchte wirklich einmal mehr betonen, der Durschnitt bei einer Wertungsskala von 1 – 10 ist 5. Die Zahl fünf ist der Durschnitt, aber selbst Spiele die eine 7/10 erhalten, gelten als totaler Flopp oder sind “nur für echte Fans” der Serie oder des Genres. Das Wertungssystem ist einfach komplett im Arsch!
Interessenkonflikte als Geschäftsmodell …
Besonders kritisch sehe ich die optische und wirtschaftliche Verzahnung von Werbung und Redaktion. Es ist für mich als Inhaber einer kleinen Seite wie Pixeltyp schwer zu ertragen, wenn ein Testbericht zu einem AAA-Spiel live geht, während die gesamte Website drumherum mit Wallpaper-Ads genau dieses Spiels tapeziert ist. Mir ist durchaus klar, dass Werbung immens wichtig ist für alle. Egal ob im Print oder digital. Das war schon immer so und eine gerade Schnittkante wird es da nie ganz geben, außer man kommuniziert es glasklar und traut sich, auch solche Werbepartner entsprechend abzustrafen mit nicht guten Bewertungen. Positive Beispiele gibt es ja zu genüge!
Ziff Davis argumentiert zwar mit der Trennung von Kirche und Staat (Redaktion und Sales), aber für den Leser bleibt ein fader Beigeschmack. Kann man ein Spiel wirklich objektiv bewerten, wenn die Anzeige daneben gerade die Gehälter der Redaktion finanziert?
IGN ist heute weniger ein journalistisches Medium als vielmehr eine gigantische Marketing-Maschine. Sie sind der verlängerte Arm der PR-Abteilungen, getarnt als Kritiker. Durch die SEO-Dominanz werden kleinere, wirklich unabhängige Seiten an den Rand gedrängt. Wer bei Google nach einem Test sucht, landet unweigerlich bei der Ziff-Davis-Gruppe. Die Vielfalt stirbt in der ersten Reihe der Suchergebnisse.
Was bedeutet das für uns?
Ich schreibe das hier nicht aus Neid. Ich schreibe das, weil ich mir Sorgen um unser Hobby mache. Gaming braucht Reibung. Wie überall und auch unser Hobby stellt da keine Ausnahme dar.
Es braucht Kritiker, die sich trauen, ein Spiel auch mal mit einer 3/10 nach Hause zu schicken, wenn es den Spielspaß mit Füßen tritt. Es braucht Redaktionen, die nicht alle denselben Aktionären gehören und die nicht Angst haben müssen, dass ein kritischer Test den nächsten Werbedeal platzen lässt.
Die Machtposition von IGN ist ein hellrot leuchtendes Warnsignal am Wolkenkratzer und für alle gut sichtbar. Wir steuern auf ein Monopol der Meinung zu, das von Finanzinvestoren gesteuert wird. Mein Appell an euch: Schaut genauer hin. Unterstützt die kleinen, unabhängigen Stimmen. Lest quer. Und vor allem: Fallt nicht auf die nächste 7/10 rein, nur weil sie lautstark vermarktet wird.
Bleibt kritisch, bleibt leidenschaftlich und bleibt den Pixeln treu!